Vortrag "Zeit haben, wenn die Zeit knapp wird"

Prof. Dr. Constanze Giese, Katholische Stiftungsfachhochschule München

 

Vortrag „Zeit haben, wenn die Zeit knapp wird. – Zur Bedeutung der Zeitknappheit in der pflegerischen Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase.“

„Im Rahmen des Nachdenkens über Werte, über das was uns etwas wert ist oder was uns etwas wert sein sollte, stoßen wir, ob wir das wollen oder nicht, auf den Faktor Zeit.

Nicht erst wenn Sterbebegleitung, Betreuung und Pflege Sterbender im Rahmen der Berufstätigkeit wahrgenommen wird kommt neben der ideellen auch die materielle Dimension von Zeit als Wert in den Blick, im Sinne von Zeit ist Geld.

Zeitknappheit ist nicht nur ein Phänomen der beruflichen Pflege, Betreuung und Begleitung von Sterbenden, mit ihr hadern Angehörige oft ebenso sehr. Die Betreuung der Menschen, die zunehmend und bald ganz aus unserem üblichen zeitlichen Rahmen fallen, lässt sich schwerlich in den Rahmen eintakten, den der berufliche und private Alltag mit ihren je eigenen Gesetzmäßigkeiten uns abverlangen. Dennoch möchte ich heute den Fokus auf den Umgang mit dem Faktor Zeit und der ihm zugeschriebenen Wertigkeit im beruflichen Bereich legen. Im Rahmen des Projektes Verantwortung leben, reflektieren wir den Beitrag der Hochschulbildung zur Fähigkeit unserer künftigen Absolventen, Werte nicht nur zu übernehmen, sondern kritisch zu reflektieren, Widersprüche nicht nur zu ertragen, sondern zu hinterfragen und im Blick zu behalten, worum es eigentlich geht. Somit ist eine kritische Reflektion der vorgeblichen und tatsächlichen Werte in den künftigen Arbeitsfeldern ein wesentlicher Beitrag zu einer positiven und humanen Weiterentwicklung in der Praxis. Das gilt insbesondere für das Thema des heutigen Tages. Die Verknüpfung des Wertes, den wir einer Sache oder Leistung - insbesondere einer Dienstleitung - zumessen mit der Frage nach Effizienz und einem menschlichen Leben und menschlichen Sterben führt uns in ein Feld, in dem konträre Be-Wertungskategorien und praktische Widersprüche im Anforderungsprofil die Praxis prägen. Dieser Widersprüchlichkeit werde ich mich in 3 Schritten nähern.

Im ersten Schritt möchte ich unserer Be-Wertung der letzten Lebensphase mit Hilfe der medialen Rezeption auf die Spur kommen und zeigen, welche Konsequenzen diese Vorstellungen eines Sinn- und wertvollen Lebensendes für unsere Angebote aus dem Bereich PalliativCare und hospizliche Begleitung bereits haben.

Diesen Angeboten lässt sich leider immer noch zu häufig die Situation in den Einrichtungen der stationären Altenpflege kontrastieren. Es scheint eine unterschiedliche Bewertung der letzten Lebensphase zu geben, die auch abhängt vom Alter und dem, was der amerikanische Medizinethiker Callahan als „natural life span“ bezeichnet, das Erreichen der natürlichen Lebensspanne.

Daran anschließend möchte ich Gedanken zu einem menschlichen Sterben und einem eigenen Tod aus Sicht der Betroffenen anstellen, welche wir alle sind.

Exemplarisch werde ich abschließend die widersprüchlichen Bewertungen der Phänomene Zeit und Geschwindigkeit im Rahmen der pflegerischen Versorgung Sterbender betrachten. Sie zeigen uns die Grenzen unserer gewohnten Qualitätsdiskurse und Effizienzbestrebungen an den Grenze des Lebens auf. Möglicherweise haben wir im Alter ein Recht auf Langsamkeit oder zumindest auf unsere eigene Geschwindigkeit, mit der wir die letzte Lebensphase leben und sterben können.“

 

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